NICHT OPFER, SONDERN SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT

Ausstellung „Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute“ in der Christuskirche Herzberg „Ich wünsche mir ein buntes Deutschland, in dem jede Person das Recht hat, anders zu sein! Dazu gehört aber auch die Pflicht, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren. Als gläubiger Jude in Deutschland möchte ich dazu beitragen, diese Vielfalt weiter aufzubauen.“ Dieses Zitat stammt aus der Ausstellung „Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute“ des Bundesfamilienministeriums, die gerade in der Christuskirche in Herzberg zu sehen ist.
Die Ausstellung zeigt, wie Pastor Dr. Gerhard Bergner bei der Eröffnung deutlich machte, Menschen jüdischen Glaubens nicht nur in der Opferrolle, sondern ihr religiöses, kulturelles und alltägliches Leben als Selbstverständlichkeit. Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle im vergangenen Jahr habe das Thema Antisemitismus in Deutschland einmal mehr an Brisanz gewonnen, so dass es wichtig sei, für die Vielfalt einzustehen, sagte er.
Die Ausstellung, die im Kern 13 Portraits von Menschen jüdischen Glaubens zeigt, wurde von Konfirmanden in der Christuskirche angeordnet und in einer kleinen, der aktuellen Lage gemäßen geschlossenen Feierstunde eröffnet. Dennoch ist sie in den kommenden Wochen für jeden zu sehen, die Kirche ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Wie wichtig das Thema ist, betonte auch Bürgermeister Lutz Peters, der zugab: „Bei den Vorbereitungen auf die Eröffnung wurde mir bewusst, dass ich keine jüdische Familie kenne. Das sollte uns ein Anlass sein zu überlegen, wie es wäre, wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte.“ Zu diesem Thema sprach auch der Publizist und Rechtsanwalt Dr. Achim Doerfer, der sich für den interkulturelle und interreligiösen Dialog im Rahmen seines Wirkens im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Göttingen einsetzt.
@Christian Dolle
Dr. Doerfer sprach von den etwa 3000 bis 5000 überlebenden Juden nach dem Kriegsende in Deutschland, die es damals schwer hatten, Traditionen fortbestehen zu lassen. Jüdischer Glaube und jüdische Kultur zeige sich vor allem in vielen Details im Alltag, von denen das Essen nur eines der bekannteren ist. Inzwischen und spätestens seit Halle sind viele wieder unsicher, ihren Glauben öffentlich zu zeigen, vor allem, da laut dem Bundeskriminalamt damals auch für Göttingen eine akute Bedrohungslage bestanden habe, wie er berichtete.
Um den Rechten und aufgehetzten und oft unwissenden Wutbürgern entgegenzuwirken, wünscht er sich, dass Kinder in der Schule viel früher mit dem Thema Judentum in Berührung kommen und etwas über die Kultur, die Religion und das Verständnis der Juden als ein Volk erfahren. Bildung ist also wie so oft der Schlüssel und genau dazu trage diese Ausstellung bei, da sie viele Aspekte aufzeigt.
Vielleicht trägt sie ja auch in Herzberg und im Harzer Land dazu bei, dass Deutschland ein Land bleibt, in dem jede Person das Recht hat, anders zu sein und jeder andere in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert. Christian Dolle Link zur Homepage des Kirchenkreises: https://www.kirche-harzerland.de/nachrichten/PM-2020-11-05 Die Vernissage wurde mit Klezmer Musikstücken, gespielt vom Ensemble Phantastique (Dr. Stefan Kienzle- Saxophon, Dirk Steinig – Piano und Jörg Roos – Bass) feierlich umrahmt.